Beiwagen-Hersteller Josef Steib, Nürnberg, Produktionszeitraum 1914 bis 1965
![embedded image (png) [image]](images/Steib_img1.png)
Geschichte und Gründung
Josef Steib begann 1914 in Nürnberg mit der Karosseriebau-Werkstatt, die ursprünglich auf Lackierung und Polsterung spezialisiert war. Im Jahr 1927 erfolgte der Übergang zur Beiwagenfertigung, wobei die ersten Fahrgestelle komplett geschraubt wurden. Ein entscheidender Wendepunkt kam 1928, als die renommierte Motorradfabrik Ardie-Werk Josef Steib mit der Produktion von Seitenwagen für ihr neues Modell TM-500 beauftragte. Dieser Auftrag führte zur Erweiterung der Werkstattanlagen und zur endgültigen Spezialisierung auf den Beiwagenbau.
Nach dem Wechsel der Unternehmensführung, als Josef Steib Junior 1932 im Alter von nur 22 Jahren die Leitung übernahm, erlebte das Unternehmen ein rasantes Wachstum. In den 1930er Jahren etablierte sich Steib als einer der beiden Marktführer neben dem Leipziger Hersteller Stoye. Zusammen kontrollierten beide Firmen etwa 80 Prozent des deutschen Beiwagen-Marktes. Zum Ende der 1930er Jahre war Steib der weltgrößte Beiwagenhersteller.
In dieser Ära entwickelte Steib mehrere technische Innovationen. Die charakteristische 8-teilige Segment-Konstruktion der S 500 und S 501 Modelle erlaubte modularität und einfachere Reparierbarkeit. Das Unternehmen führte ein innovatives Vibrationsdämpfungs-System mit Gummielementen in den Aufhängungspunkten ein, das später bei vielen Modellen zum Standard wurde. Die Befestigungssysteme wurden mit Quick-Release Klemmen und Ball-Pin Verbindern ausgestattet, die es ermöglichten, die Beiwagen schnell und sicher an verschiedenen Motorradtypen zu montieren.
Das Unternehmen belieferte bis in die 1950er Jahre zahlreiche Motorradhersteller als Erstausrüster, darunter BMW, NSU, Zündapp und Horex. Steib-Beiwagen wurden von vielen Motorradherstellern für ihre Modelle als Komplettgespann angeboten, teilweise unter Eigennamen und mit individueller Ausstattung. Ein bekanntes Beispiel ist die Horex-Columbus-Werke, die Steib-Beiwagen unter eigenem Namen vertrieb.
In Großbritannien importierte die Firma AFN in Middlesex Steib-Seitenwagen in beträchtlicher Zahl, etwa von 1925 bis 1938. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte dieser Import wieder auf und bestand bis zur Einstellung der Steib-Produktion.
Modellpalette
Die Steib-Produktpalette umfasste mehrere Baureihen, die für unterschiedliche Motorradklassen konzipiert waren:
LS 200 war das Leichtgewicht-Modell für Motorräder bis 200 Kubikzentimeter.
LS 350 war das Mittelklasse-Modell für Motorräder von 250 bis 500 Kubikzentimeter.
S 500 und S 500 L (Luxus) war das Sport- und Touring-Modell für Motorräder ab 500 Kubikzentimeter.
TR 500 speziell für Behörden und Militär angeboten.
LT 200 war das Lastenmodell für leichte Motorräder im Zustelldienst. Dieses Modell war besonders leicht konstruiert und optimiert für Kurierdienste und kommerzielle Anwendungen.
![embedded image (png) [image]](images/Steib_img2.png)
Technische Innovationen und Patente
Steib entwickelte während seiner Produktionszeit mehrere patentfähige Technologien, wenngleich die expliziten Patentnummern in der Literatur nicht vollständig dokumentiert sind. Wahrscheinlich patentiert waren die segmentale 8-teilige Karosserie-Konstruktion mit verschraubten Stahlsegmenten, die Vibrationsdämpfung durch Gummielemente in den Aufhängungspunkten sowie die spezifische Rahmen-Gelenkung für sichere und schnelle Montage an Motorrädern.
Die Stahlkonstruktion wurde mit moderner Schweißtechnik gefertigt und mit Blechschrauben-Verbindungen kombiniert, was eine modulare Struktur ermöglichte. Später verwendete Replica-Hersteller auch Fiberglass-Materialien für ähnliche aerodynamische Profile, während Original-Steib-Beiwagen durchgehend aus Stahl gefertigt wurden.
Neustart nach der Währungsreform 1948
Am 20. Juni 1948 wurde in den Westzonen die Währung umgestellt. Steib startete zuversichtlich in die neue wirtschaftliche Ära. Der S 350 sollte im Herbst 1948 für 330 Deutsche Mark erhältlich sein, während der S 500 Luxus ab Frühjahr 1949 verfügbar sein sollte. Der Händlerrabatt wurde auf 17 Prozent festgesetzt, mit 3 Prozent Skonto bei Barzahlung.
Bestellungen trafen von allen Seiten ein. Die Horex-Columbus-Werke orderten bereits im August 1948 die ersten fünf Beiwagen. Im Oktober 1948 bestellte die Firma zehn Sport-Seitenwagen vom Typ LS 200 für ihre 350er Horex. Im gleichen Monat bestellte Steib bei der Gesenkschmiede Engelbert Tacke in Gevelsberg insgesamt 20.000 Fensterstützen, ein deutliches Zeichen des Vertrauens in hohe Stückzahlen und wirtschaftliches Wachstum.
Blütezeit der 1950er Jahre
Im Jahr 1949 wurden bereits wieder einige tausend Beiwagen hergestellt. Steib entwickelte sich in der Folge zum größten Beiwagenhersteller der 1950er Jahre. Auf dem Höhepunkt der Produktion fertigte das Unternehmen etwa 50 Seitenwagen pro Tag, was eine Jahreskapazität von bis zu 14.000 Einheiten bedeutete. Steib bediente etwa 92 Prozent des deutschen Beiwagen-Marktes und war der Standard-Lieferant für BMW-Gespanne. Das Unternehmen exportierte in 36 Länder weltweit und war faktisch Weltmarktführer der Nachkriegszeit.
Produktionsende
Die Blütezeit endete jedoch abrupt. Im Jahr 1956 fiel die Produktion auf nur noch 5 Seitenwagen pro Tag. Im Jahr 1958 stellte der Hauptkunde Ardie-Werk seine Produktion ein, was Steib stark traf. Das Unternehmen beschloss, die Beiwagen-Produktion 1965 endgültig einzustellen und sich auf die Herstellung von Landmaschinen und Traktor-Ersatzteilen umzuorientieren. Im Jahr 1989 wurde der Gesamtbetrieb geschlossen und die Gebäude in Nürnberg abgerissen.
Nachbauten und Weiterführung
Das Design des Steib TR500 bewies sich als zeitlos und wirtschaftlich erfolgreich. Bereits ab 1970 fertigte Walter Motorrad-Gespanntechnik in Wabern-Harle Nachbauten des TR 500 in den Varianten N1 bis N4. Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm Walter auch die Namensrechte des historischen Herstellers Stoye aus Leipzig.
In den 1970er Jahren folgten weitere Nachbau-Hersteller. Peter Kalich entwickelte das Tour-Modell, Gunnar Carell brachte die Varianten Boot3 (schmäler) und Boot5 (breiter) auf den Markt. Die Firmen Bornowski in Leutershausen und Stemler in Remscheid stellten ebenfalls Steib-Nachbauten her.
Die heute bekannteste Nachbau-Firma ist Ideal in Berlin, die originalgetreue Repliken des gesamten Steib-Programms anfertigt. Die Ideal-Repliken verfügen über hohe Komponenten-Kompatibilität mit den ursprünglichen Steib-Beiwagen, was Restauratoren und Sammler schätzen. Auch Mobec-HeMoS zählt zu den aktiven Nachbau-Anbietern.
Das Erbe von Steib wirkt bis heute nach. Die sowjetischen Hersteller Ural und Dnepr basierten ihre Seitenwagen-Konstruktionen direkt auf dem TR500-Design. Der chinesische Hersteller Chang Jiang übernahm ebenfalls die TR500-Konstruktion, was dieses Modell zum wahrscheinlich meistgebauten Beiwagen der Welt macht.
Prospekte historischer Steib-Modelle können kostenlos bei der Firma Ideal in Berlin heruntergeladen werden unter https://www.ideal-seitenwagen.eu/downloads/
Nachbauten und Weiterführung
Steib-Nachbauten wurden und werden unter anderem von folgenden Firmen angeboten: Walter, Carell, Ideal und Mobec-HeMoS.
Prospekte historischer Steib-Modelle gibt es zum Download bei der Firma Ideal in Berlin: https://www.ideal-seitenwagen.eu/downloads/
Beiträge in Motorrad-Gespanne, Nr. 28 (Historik „Schwierige Zeiten – Steib nach 1945", Juli 1995)