Überblick
Als Lastengespann bezeichnet man ein Motorradgespann, bei dem der Beiwagen nicht zum Personentransport, sondern als Transportbehälter für Waren, Geräte oder Ausrüstung ausgelegt ist. Vom Personengespann unterscheidet es sich durch den fehlenden Sitzplatz sowie durch einen für die Zuladung verstärkten Beiwagen-Rahmen; die Übergänge sind fließend, da viele Hersteller Fahrgestelle anboten, auf die wahlweise ein Personen- oder ein Lastenaufbau montiert werden konnte. Bis in die 1960er Jahre war das Lastengespann ein ernsthaftes Arbeitstier — als Postbeiwagen, ADAC-Pannenhilfe, Feuerwehr-Fahrzeug und städtisches Lieferfahrzeug; heute führt es ein Nischendasein als Reise- und Freizeitfahrzeug.
Gepäckwagen von NSU im Einsatz für das Meißner Tagblatt.
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Einsatzgebiete
Frühe Geschichte (1903–1914)
Die Idee, den Beiwagen für Waren zu nutzen, ist nahezu so alt wie der Beiwagen selbst. Im Patentantrag der Gebrüder Graham vom April 1903 war die Transportfunktion bereits denkbar: Statt des Korbsessels ließ sich auf dem Gestell eine Plattform montieren. In Deutschland zeigte NSU bereits 1914 einen Lasten-Beiwagen auf verstärktem Fahrgestell (Kastenausführung 320 Reichsmark, Korbvariante 255 Reichsmark; zum Vergleich: NSU Phaeton-Personenseitenwagen 425 Reichsmark).
Victoria-Transportbeiwagen No. 12
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Militärische Nutzung (Erster Weltkrieg)
Im Ersten Weltkrieg wurden Lasten-Beiwagen als mobile MG-Stellungen eingesetzt. Alfred Scott entwickelte 1915 gemeinsam mit Vickers den „Scott Gun Carrier"; 300 Stück wurden vom War Office bestellt. Deutschland setzte rund 5.000 Kräder ein, darunter umgerüstete NSU-Heeresmodelle. Watsonian entwickelte 1916 gemeinsam mit Norton eine Krankentransport-Ambulance mit federgelagerter Trage nach Armee-Spezifikation.
Gewerblicher Lieferverkehr (1920er–1950er)
Betriebskostenvergleiche aus der Zeit: 10–15 Pfennig pro Kilometer für das Gespann, ca. 50 Pfennig für einen Ford-Kleinlaster (Stand 1925). Post, Tageszeitungen, Milch und Eis wurden per Gespann ausgeliefert; Kodak, Mac Fisheries und weitere Unternehmen nutzten sie im innerstädtischen Verkehr. In Deutschland setzte die Reichspost D-Rad R O/4-Gespanne bereits 1925 zur Briefkastenleerung ein.
Watsonian Milk Float Sidecar
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Meldung aus MG 72 im Jahr 2002
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Pannenhilfe und Straßenwacht
Die Automobile Association (AA, England) setzte ab den 1920er Jahren Lasten-Gespanne als Pannenhilfsfahrzeuge ein, zuletzt Norton ES2 mit Watsonian-Bambox. Das letzte AA-Gespann (500er Norton, im Volksmund „Betsy") wurde 1969 außer Dienst gestellt — nach 102.000 pannenfreien Meilen; beim Abschlusskorso riss die Kette. In Deutschland führte der ADAC 1954 nach englisch-holländischem Vorbild die Straßenwacht ein: Am 1./2. Mai 1954 wurden die ersten 60 gelben Gespanne übergeben (Aufbauten von Royal, München). Die knallgelben Lasten-Beiwagen gaben den ADAC-Helfern ihren Spitznamen „Gelbe Engel".
Namensgeber war der gelb-lackierte Beiwagen, Gelber Engel.
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Post und Behörden
Royal lieferte die Postbeiwagen für BMW-Motorräder an die Reichspostämter; NSU rüstete das Telegraphenbauamt Stuttgart und die Danziger Flugpost aus. In Dänemark wurden Nimbus-Postgespanne bis 1976 eingesetzt.
Landwirtschaft und Alltag (DDR)
In der DDR gehörten MZ-Gespanne mit Lastenboot zum Alltag. Der MZ-Lastenbeiwagen passend auf das Super-Eelastik-Fahrgestell wurde bis 1989 gefertigt. Transportiert wurde alles: Schweine, Kälber, Getreide und Gemüse, teilweise als transportablen Futtertrog im Einsatz. Die MZ waren dabei hervorragende Begleiter der Landwirte um auf nicht befestigten Feldwegen vorwärtszukommen.
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Fernreisen und Expeditionen
Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Lasten-Gespann das Reisegefährt der Wahl für Globetrotter. Bekannte Fahrten: 1927 Alfred Gäbelmann/W. Spohr vom Brandenburger Tor zu den Pyramiden auf einem D-Rad (500 cm³, Gesamtgewicht 690 kg); 1931 Horst Millauer, Cairo–Kapstadt (Westroute Sudan) auf drei Standard-Motorrädern mit Lasten-Beiwagen der Berliner Firma Stolz.
Gäbelmann und Spohrer auf dem Motorrad
Der Rennfahrer Alfred Gäbelmann und sein Freund W. Spohr starteten im Jahre 1927 zu einer Reise vom Brandenburger Tor zu den Königspyramiden. Als Fahrzeug hatten sie ein D-Rad gewählt. Für das Gepäck und die Ausrüstung hatten sie sich von der Spandauer Motorradfabrik einen Lastenbeiwagen an die 500er montieren lassen. Vor der Abfahrt hatten sie das Gespann auf eine Waage gestellt. 690 Kilogramm brachte der 500er Motor mit seinen zehn PS vorwärts - ohne Schutzbrief.
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Die Deutsche Film- und Motorrad-Afrika-Expedition, unter Leitung von Horst Millauer, durchquerte Afrika im Jahre 1931 mit „Stolz”-Seitenwagen von Cairo nach Kapstadt. 11000 km Afrika durch Sand, Sumpf und Lehm, über Gebirge und Felsgelände,
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Entwicklungs- und Schwellenländer
In Asien gehört das Lasten-Gespann bis heute zum Straßenbild. Günstige Anschaffung kleiner Motorräder, niedrige Betriebskosten und geringer Benzinverbrauch machen es dort konkurrenzfähig. Besonders verbreitet: die Garküche im Beiwagen, beliebt sind Nachbauten der Honda CB 200.
Technische Daten (historische Auswahl)
NSU Lasten-Beiwagen (1914): Kasten auf verstärktem Fahrgestell; 320 Mark (Kasten), 255 Mark (Korb)
D-Rad Laderaum (1920er): 1.250 × 630 × 700 mm; Rungen-Beiwagen (1927): Tragkraft 180 kg
Victoria (Nürnberg): Nutzlast 125 kg; Ladebrücke 80 × 180 cm
Kali „Expreß" KE 22: Tragkraft bis 200 kg
Watsonian Commercial Van (1924): Fassungsvermögen 900 Liter (nur mit VC-33-Chassis)
Watsonian Eiscreme-Beiwagen: 5 cm Korkdämmung, 4 Eisbehälter, 9 Eisboxen; Preis 26 Pfund
Steib Liefer-Seitenwagen (1937): 212 RM
Harley-Davidson „MW" (1928): Zuladung bis 227 kg (500 lbs); Preis ab Werk 108 US-Dollar
Squire Polyester-Transportbox (ab ca. 1975): 330 Liter
Peter Sauer, Autodachbox auf Beiwagengestell (1992): 500 Liter; Basis Suzuki GS 500/550
Röth Roller-Gespann (IFMA 1992): 230 Liter, 4 kW (5,4 PS)
Watsonian-Squire Transportbox (2007): komplett ca. 4.500 Euro, nur Box ca. 2.200 Euro
Besonderheiten
Polyesterbau: Watsonian war Pionier: 1954 auf der Earls-Court-Show den "Monaco" (Heck und Front Polyester), 1956 "Bambox" als reiner Transport-Beiwagen.
Federvorspannung: Beiwagen wurden teilweise mit Vorrichtungen zur Federvorspannung ausgestattet, so dass bei hohen Lasten der Seitenwagen wieder waagerecht gestellt werden konnte und eine Restfederung erhalten blieb.
IFMA 1992: Zwei deutsche Unternehmen zeigten neue Konzepte — Zweirad Röth mit einer 230-Liter-Box für Lieferdienste. Bei der Vorstellung zeigten Stadtverkehrsbetriebe, Polizei, THW, Sanitätsdienst und die Deutsche Telekom Interesse an größerer Abnahme.
Fritz Röth entwickelte dieses kleine Roller-Gespann (Bunny) mit Lasten-Beiwagen. Die Polyesterbox hat ein Transportvolumen von 230 Litern, Motorleistung von 4 kW (5,4 PS).
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Sonderaufbauten
Harley Davidson und NSU für Feuerwehren. Das NSU-Modell hatte an Bord: 60 m Druckschlauch und einen Saugschlauch, ideal für Dorffeuerwehren. Der Beiwagen als Reklame-Vehikel war besonders in den 192ßer und 30er Jahren populär. Individuelle Aufbauten als Eiscreme- und Espresso-Verkaufsstand zieht bis heute die Kundschaft an.
Marktsituation
Nur ein Hersteller bot 2006 noch einen Lastenbeiwagen an: Watsonian-Squire (England). Alternative Händlerlösungen: Autodachboxen (ab ca. 300 Euro, ca. 75 kg Zuladung) auf Beiwagengestell, z. B. von Peter Sauer oder Mike Ott. Zarges-Eurobox (415 Liter, 13 kg Eigengewicht) dient als Eigenbau-Basis. Eigenbau-Materialien: Holz, Multiplex/Siebdruck, Dural-Aluminiumplatten, Stahlblech. Eine Umfrage der Zeitschrift MOTORRAD-GESPANNE (2007) ergab: 20 % der Gespannfahrer haben Interesse an einem Lastenbeiwagen.
Im Jahr 2026 gibt es über Gespannhändler die Karosserie Sidecar One und von Hedingham (Uwe Schmidt) den Woody. Als Nachbau wird von IDEAL der Steib LT 200 angeboten.
Sidecar One, vorgestellt 2007
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Vor- und Nachteile
Vorteile: Niedrige Betriebskosten gegenüber Kleintransporter; urban wendig; großes Ladevolumen relativ zum Fahrzeuggewicht; einfache Wartung; flexibler Aufbau-Wechsel möglich
Nachteile: Nutzlast begrenzt (125–227 kg je nach Modell); Fahrgestell-Verstärkung erforderlich; ab den 1960ern wirtschaftlich nur noch als Promotion-Fahrzeug konkurrenzfähig.
Typische Kombinationen
Großbritannien: Watsonian-Aufbau auf BSA, Norton, Royal Enfield
Deutschland: Royal auf BMW R 61 (Post, ADAC); Victoria auf KR 3; D-Rad mit eigenem Lastenaufbau; NSU für Post und Feuerwehr
USA: Harley-Davidson mit Rogers- oder Winter-Weiß-Aufbau
Dänemark: Nimbus mit ACAP-Aufbau (Postgespanne bis 1976)
DDR: MZ Motorräder mit MZ-Lastenbeiwagen (bis 1989)
Hersteller (Auswahl, alphabetisch)
ACAP (DK), Chater-Lea (GB), D-Rad (D), Harley-Davidson (USA), Hollandia (NL), Kali (D), Mammut (D), Mills-Fulford (GB), MuZ (D), MZ (DDR), Nimbus (DK), Noxal (GB), NSU (D), Rogers (USA), Röth (D), Royal (München), Scott (GB), Squire/Watsonian (GB), Steib (D), Victoria (D), Winter-Weiß Co. (USA)
Als Quellenmaterial dienten auch die Beiträge zu Lastengespann in folgenden MG-Ausgaben.
17, 24, 26, 72, 87, 94, 99, 100, 101, 102, 105, 106, 110, 111, 116, 122, 125, 134, 141, 142, 168, 174.