Englische Bezeichnung: Hub-center steering (HCS). Lenkungsbauweise, bei der das Vorderrad nicht über eine Schwinge oder Teleskopgabel, sondern um einen zentralen Lenkbolzen in der Radnabe schwenkt – wodurch Lenken, Federn und Bremsen voneinander getrennt werden.
Funktion
In einer hohlen Leichtmetall-Nabe ist genau in der Mitte ein senkrechter Lenkbolzen gelagert, um den das Rad schwenken kann. Er weist ein Querloch auf, durch das ihn die Steckachse aufnimmt. Außen auf der Nabe drehen sich sehr große Wälzlager, die über einen Adapter die Felge trägt. Der Lenkeinschlag wird daher nur von der Größe der Radnabe beziehungsweise deren innerer Öffnung begrenzt.
Vorteile gegenüber der Vorderradschwinge
Auch in engen Kurven bleibt durch die fast senkrechte Drehachse des Rades immer die volle Breite des Reifens auf der Straße. Dadurch sind höhere Kurvengeschwindigkeiten im Grenzbereich möglich. Die großen Radlager können hohe Axial- und Radialkräfte aufnehmen. Das sorgt für Reserven beim sportlichen Fahren. Über die Zugstange der Bremssattelbefestigung kann sehr einfach der Vorderradnachlauf stufenlos verstellt werden. Die Kräfte werden in den Rahmen nicht im Lenkkopfbereich eingeleitet, sondern an den Unterzügen und an der Abstützung des Zentralfederbeins.
Ein wesentlicher konstruktiver Vorteil gegenüber der Teleskopgabel besteht in der vollständigen Trennung von Lenk-, Brems- und Federungsfunktion. Bei der Teleskopgabel wirken alle drei Kräfte übereinander: Bremseinleitung komprimiert die Federung, verändert die Lenkgeometrie und erzeugt Stick-Slip-Effekte. Die Radnabenlenkung vermeidet dieses Eintauchen des Vorderrads beim Bremsen vollständig.
Nachteil
Der Lenkeinschlag ist begrenzt. Zudem gilt bei komplexen Lenker-Gestängesystemen der praktische Nachteil eines ungenauen Lenkgefühls durch das Spiel in den Verbindungsgelenken.
Chronologie
Die erste bekannte Konstruktion stammt aus dem Jahr 1910 von der britischen James Cycle Co. Die Radnabenlenkung wurde bereits 1910 von der britischen James Cycle Co. verwendet.
Das Ner-a-Car des US-amerikanischen Konstrukteurs Carl Neracher baute von 1921 bis 1926 als erster eine Radnabenlenkung in größeren Stückzahlen ein. Neracher arrangierte die Buchstaben seines Nachnamens für den Modellnamen neu, ausgesprochen „Near-a-Car" (Beinahe-Auto). Anschließend folgte der französische Hersteller Majestic (1928–1934).
In den 1970er Jahren erlebte das Prinzip durch die Arbeit von Jack Difazio in Großbritannien eine Nachmarktwelle. Das Difazio-System verwendet eine schwimmende Achse, die durch einen Königszapfen in einer übergroßen Vorderradnabe geführt wird. In den 1980er Jahren baute das Elf-Rennteam eine Serie von Ausdauer- und GP-Rennmaschinen mit Radnabenlenkung.
Die Bimota Tesi 1D wurde 1991 unter der technischen Leitung von Pierluigi Marconi vorgestellt, der das Hub-Center-Design bereits 1982 als Abschlussarbeit entwickelt hatte – daher der Name „Tesi" (italienisch für Abschlussarbeit). Auf das Lenksystem hielt Giuseppe Morri, Mitgründer von Bimota, ein Patent. Die Tesi 1D wurde bis 1994 produziert.
Yamaha brachte 1993 die GTS1000 auf Basis des RADD-Systems (Rationally Advanced Design Development) von James Parker auf den Markt, nachdem Parker zwischen 1978 und 1991 in den USA und Japan daran gearbeitet hatte. Die GTS1000 war der erste Versuch, das Konzept zu einem Volumen-Serienpreis anzubieten – bei 12.999 US-Dollar (1993), deutlich teurer als Mitbewerber, jedoch erschwinglicher als Bimota. Das Modell wurde bis 1999 gebaut.
Im Gespann-Bereich: Bei Krauser-Domani wurde 1988 eine Radnabenlenkung eingeführt, 1994 folgte der GG Duetto.
1991 präsentierte der Schweizer EML-Importeur Max Urech auf der Züspa die erste Radnabenlenkung im Gespann, die sein Mitarbeiter Bernhard Gloor konstruiert hatte. Gloor arbeitete später bei Armec und entwickelte auch dort weitere Konstruktionen. Fast gleichzeitig entwickelte HBJ eine Radnabenlenkung – beide Seiten wussten nichts voneinander. Weitere Nabenlenkungen im Gespann-Bereich kamen von EML (MG 63), EZS (MG 142, hydraulisch unterstützt) und März (MG 124).
Bimota setzte die Linie mit der Tesi 2D (2005–2006) und der Tesi 3D (ab 2007) fort. Der italienische Hersteller Vyrus, nach zwischenzeitlicher Übernahme von Bimota, bietet ebenfalls Motorräder mit Radnabenlenkung an. Seit 2009 bietet der schwedische Hersteller ISR eine Nachrüst-Radnabenlenkung u. a. für die BMW R 1200 S an.
Aktuell (Stand 2026) arbeitet der chinesische Hersteller Zongshen an einem Patent für eine Motorrad-Servolenkung in Kombination mit einer Radnabenlenkung – ein Novum in der Branche.
Siehe auch: Vorderradschwinge, Teleskopgabel, EML, EZS, März, HBJ, Armec, Ner-a-Car, Gespann-Fahrwerk
HBJ-Radnabenlenkung
![embedded image (png) [image]](images/Radnabenlenkung_img1.png)
Radnabenlenkung von März
![embedded image (png) [image]](images/Radnabenlenkung_img2.png)
![embedded image (png) [image]](images/Radnabenlenkung_img3.png)
![embedded image (png) [image]](images/Radnabenlenkung_img4.png)