Wilkinson Sword

Wilkinson Sword ist ein britisches Unternehmen mit Gründungsdatum 1772 in London, ursprünglich als Waffenschmiede von Henry Nock gegründet. Nach dem Tod Nocks übernahm sein Schwiegersohn James Wilkinson das Unternehmen; 1891 erhielt es den endgültigen Namen Wilkinson Sword Company. Das Haus belieferte über Jahrhunderte die britischen Streitkräfte mit Schwertern, Bajonetten und Schusswaffen und war zeitweilig königlicher Hoflieferant. In Friedenszeiten diversifizierte das Unternehmen wiederholt in zivile Produktbereiche, darunter Schreibmaschinen, Fahrräder, Gartengeräte und Motorräder.

 

Frühe Motorradproduktion (1903)

Bereits 1903 versuchte sich Wilkinson Sword im Motorradbau. Es handelte sich um Zweizylindermaschinen mit belgischen Antoine-Motoren, die über eine Garage in Chelsea, London, vertrieben wurden. Das Vorhaben blieb ohne Erfolg und wurde eingestellt.

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Militärprototyp und Gespannvariante (1908)

Der junge Konstrukteur P. G. Tacchi erhielt 1908 ein Patent auf ein Geländeaufklärungs-Motorrad für den militärischen Einsatz. Das Fahrzeug war als V-Zweizylinder mit Vollfederung konzipiert und konnte wahlweise mit einem Lenker-montierten Maxim-Maschinengewehr oder mit einem Beiwagen ausgerüstet werden, in dessen Wanne ebenfalls eine Maxim-Waffe installiert werden konnte. Im Sommer 1908 wurde das Gespann der britischen Armee vorgeführt. Die Militärbehörden lehnten das Konzept ab. Als Option war auch ein Lenkrad anstelle des Lenkers vorgesehen.

Der Wilkinson-Militärprototyp von 1908 mit Beiwagen und Maxim- Maschinengewehr dürfte eines der frühesten dokumentierten Militär-Konzepte überhaupt sein, sechs Jahre vor Kriegsbeginn und deutlich vor den bekannten deutschen und britischen Militärgespannen des Ersten Weltkriegs.

 

TAC - Touring Auto Cycle (ab 1909)

Unbeeindruckt vom militärischen Misserfolg präsentierte Wilkinson Sword 1909 auf dem Stanley Cycle & Motorcycle Show im Agricultural Hall in Islington, London, eine zivile Luxusversion: den Touring Auto Cycle (TAC). Das Fahrzeug besaß einen luftgekühlten Vierzylinder-Reihenmotor mit 676 cm³ Hubraum, Dreiganggetriebe, Kardan-Wellenantrieb zum Hinterrad (Schneckengetriebe), Blattfedervorderachse (zunächst Chater-Lea-Gabel), vier Viertelelliptic-Federn am Hinterrad sowie Fußkupplung. Der TAC zählte technisch zu den fortschrittlichsten Motorrädern seiner Zeit.

 

TMC - Touring Motor Cycle (1911–1916)

Ab 1911 entwickelte Wilkinson in seinem Oakley-Werk in Chiswick einen neuen Motor für das Nachfolgemodell, das nun offiziell als TMC (Touring Motor Cycle) bezeichnet wurde. Der wassergekühlte Vierzylinder-Reihen-Seitenventilmotor mit 848 cm³ Hubraum (Bohrung/Hub 60 × 75 mm) war mit einem großen Frontkühler versehen, ein für Motorräder ungewöhnliches Merkmal. 1912 ersetzte Kegelradantrieb den bisherigen Schneckenradantrieb; Saxon-Gabel ersetzte die bisherigen Gabeln.

 

Technische Spezifikationen TMC (ab 1912):

Motor: wassergekühlter Vierzylinder-Reihe, 848 cm³, Seitenventil Bohrung/Hub : 60 x 75 mm Getriebe : 3 Gänge, Fußkupplung Antrieb : Kardanwelle, Kegelradantrieb Radstand : 160 cm (62 Zoll) Gewicht (trocken): ca. 145 kg Höchstgeschwindigkeit: ca. 105 km/h (65 mph) Federung vorn : Gabel mit horizontalen Federn (Glockenkurbelhebeldesign) Federung hinten: vier Viertelelliptic-Federn Sitz : gepolsterter Kübelsitz (kein Sattel)

Ab 1913 wurde der TMC ausschliesslich als Gespann angeboten. Wilkinson entwickelte zu diesem Zweck einen eigenen, geschlossenen Beiwagen mit Blattfederung — eine für die Zeit diffizile Konstruktionsleistung, die dem Luxusanspruch des Gesamtfahrzeugs entsprach. 1914 wurden sowohl Solo- als auch Gespannausführungen angeboten; noch im selben Jahr übernahm die Ogston Motor Co. die Fertigung und führte weitere Detailverbesserungen ein. 1915 war der TMC noch mit 848 cm³ (Kegelradantrieb) und 1087 cm³ (Schneckenradantrieb) gelistet, jeweils mit Dreiganggetriebe.

 

Ende der Motorradproduktion (1916)

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Motorradproduktion im Frühjahr 1916 kriegsbedingt eingestellt. Wilkinson Sword fertigte fortan wieder in grossem Umfang Bajonette für die britische Armee. Insgesamt entstanden schätzungsweise nur rund 250 Exemplare des Wilkinson-Motorrades. Nach Kriegsende wurde der Vierzylindermotor nicht für ein neues Motorrad, sondern für den Personenwagen Deemster weiterentwickelt. Zur Motorradproduktion kehrte das Unternehmen nie zurück.

 

Nachfolge und heutiger Status

Wilkinson Sword ist heute bekannt als Hersteller von Rasierklingen und Körperpflegeprodukten; die Marke gehört seit 2015 Edgewell Personal Care (USA). Gartengeräte werden unter dem Namen Wilkinson Sword von E. P. Barrus in Lizenz weiter vertrieben. Der Motorradbau ist eine weitgehend vergessene Episode des Unternehmens, die jedoch historisch bedeutsam ist: Der Wilkinson TMC gilt als eines der technisch fortschrittlichsten Motorräder der Vorkriegszeit und als frühes Beispiel eines Luxus-Tourengespanns mit werksseitig konzipiertem Beiwagen.

 

 

Quellen

Letzte Bearbeitung: 13. Juni 2026

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